Ich habe die Liebe gesehen – gesungen von V. Leandros

Καημός – Ein Lied zwischen zwei Welten

Καημός (Kaimos)

Ein Lied zwischen zwei Welten – Von griechischem Schmerz zum deutschen Schlager
🇩🇪 DEUTSCHE VERSION
Komponist: Mikis Theodorakis
Textdichter: Dimitris Christodoulou (Original)
Entstehungsjahr: 1961
Erste Interpreten: Stelios Kazantzidis, Marinella
Später bekannt durch: Grigoris Bithikotsis
Deutsche Version (1972): Vicky Leandros – „Ich hab‘ die Liebe gesehen“

Die ursprüngliche Bedeutung von „Καημός“

Das griechische Wort „Καημός“ (Kaimos) bezeichnet einen tiefen, existenziellen Seelenschmerz – eine Mischung aus Kummer, Sehnsucht, Herzschmerz und melancholischer Trauer, die sich kaum in andere Sprachen übersetzen lässt. Es ist ein Begriff, der tief in der griechischen Kultur und Psyche verwurzelt ist.

Mikis Theodorakis komponierte dieses eindringliche Lied 1961, in einer Zeit intensiver politischer Unterdrückung in Griechenland. Das Stück trägt die schwere emotionale Last der Rembetiko-Tradition und spiegelt den kollektiven Schmerz einer Nation wider. Die Melodie ist durchdrungen von Melancholie und der bittersüßen Resignation, die das griechische Lebensgefühl so einzigartig macht.

Rembetiko – Die Musik der Entwurzelten

Um die wahre Bedeutung von „Καημός“ zu verstehen, muss man die historischen Wurzeln des Rembetiko kennen. Nach der sogenannten „Kleinasiatischen Katastrophe“ von 1922 wurden über 1,5 Millionen Griechen aus der Türkei vertrieben und mussten ihre jahrhundertealte Heimat verlassen. Diese traumatisierten Flüchtlinge brachten ihre kleinasiatischen Musiktraditionen mit und verschmolzen sie mit griechischen Elementen.

In den überfüllten Elendsvierteln von Athen, Piräus und Thessaloniki entstand so das Rembetiko – die Musik der Marginalisierten, der Hafenarbeiter, der Armen und der sozial Ausgegrenzten. Gesungen in verrauchten Hafenkneipen, Haschisch-Höhlen und Armenviertel, handelten diese Lieder von Armut, Drogenkonsum, Gefängnis, verbotener Liebe und dem harten Leben der Entwurzelten.

Das Rembetiko wird oft als „griechischer Blues“ bezeichnet – die authentische Stimme der Unterschicht, die ihre Leiden und ihre Hoffnungen in eindringlicher Musik ausdrückte.

Diese Musik wurde zeitweise von den Behörden verboten und als unmoralisch gebrandmarkt. Erst später, besonders durch das Engagement von Komponisten wie Mikis Theodorakis und Manos Hadjidakis, wurde das Rembetiko rehabilitiert und ins kulturelle Gedächtnis Griechenlands als wertvolles Kulturgut integriert.

Die deutsche Verwandlung: „Ich hab‘ die Liebe gesehen“

1972 veröffentlichte die deutsch-griechische Sängerin Vicky Leandros eine deutsche Version des Liedes mit dem Titel „Ich hab‘ die Liebe gesehen“. Der deutsche Text stammte von Ralf Arnie. Was dann geschah, war eine bemerkenswerte – und für viele verstörende – kulturelle Transformation.

Aus dem düsteren, existenziellen Klagelied über Schmerz und Trauer wurde ein fröhlicher deutscher Schlager über romantische Liebe, Glück und Hoffnung. Die schwermütige Melodie von Theodorakis wurde mit einem völlig konträren Text unterlegt – ein kompletter emotionaler Gegenentwurf zum griechischen Original.

Der fundamentale Kontrast: Während das griechische Original von tiefem seelischen Schmerz, kollektiver Trauer und den dunklen Seiten des menschlichen Daseins erzählt, verwandelt die deutsche Fassung dieselbe Melodie in ein optimistisches, leichtes Liebeslied. Aus einem gesellschaftskritischen Kunstlied der politisch engagierten Musikszene wurde kommerzielle Unterhaltungsmusik der deutschen Schlagerkultur der 1970er Jahre.

Die kulturelle Bedeutung dieses Phänomens

Für Griechen, die beide Versionen kennen, wirkt die deutsche Fassung oft befremdlich oder gar als respektlos gegenüber dem Original. Es ist vergleichbar damit, als würde man ein Trauerlied in eine Hochzeitshymne umwandeln oder ein Antikriegslied in ein patriotisches Marschlied verwandeln.

Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, wie kulturelle „Übersetzungen“ den Kern eines Kunstwerks völlig verändern können. Die gleiche Melodie erzählt in unterschiedlichen kulturellen Kontexten völlig verschiedene Geschichten. Was in Griechenland als künstlerischer Ausdruck tiefen Leids verstanden wird, wird in Deutschland zu leichter Unterhaltungsmusik.

Bedeutung für Gitarristen und Musikliebhaber

Dieses Lied ist ein perfektes Lehrbeispiel dafür, dass Musik mehr ist als nur eine Abfolge von Tönen und Akkorden. Der kulturelle, historische und textliche Kontext prägt die Interpretation und Bedeutung eines Musikstücks fundamental.

Für Gitarrenschüler bietet „Καημός“ die Möglichkeit, in die faszinierende Welt des Rembetiko einzutauchen. Während diese Musik traditionell auf der Bouzouki gespielt wird, lassen sich viele Stücke wunderbar auf die Gitarre übertragen. Das Spiel dieser emotionsgeladenen Musik kann Anfängern helfen, nicht nur technische Fähigkeiten zu entwickeln, sondern auch musikalische Ausdruckskraft und kulturelles Verständnis.

Hier kannst du dir das Lied – mit sehr einfacher Melodie – anhören:

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