Üben – aber wie? Nach Frank Sikora, Neue Jazz-Harmonielehre (5.Aufl., 2012)

Gitarre: Effektives Üben und Improvisieren – Die ultimative Anleitung

Verwandle deine Übungszeit in „Quality Time“ und entwickle deine persönliche Jazz-Stimme


Einleitung: Warum effektives Üben den Unterschied macht

Kennst du das Gefühl, stundenlang zu üben, aber trotzdem nicht voranzukommen? Im Jazz-Gitarrenspiel ist nicht die Quantität, sondern die Qualität deiner Übungszeit entscheidend. Zeit ist kostbar – daher zeige ich dir, wie du mit minimalen Mitteln maximale Ergebnisse erzielst.

Das Wichtigste vorweg: Auch das Üben muss man üben. Diese Lektion wird dir die Werkzeuge geben, um deine Übungszeit zu revolutionieren.


Die Philosophie des Übens: Für dich selbst spielen

Der wichtigste Grundsatz

„Die Person, die ihr am meisten überzeugen und befriedigen müsst, seid ihr selbst.“

Musik ist zutiefst individuell und subjektiv. Wahre Entfaltung geschieht nur dann, wenn du übst, was du als richtig erkannt hast – nicht nur das, was andere für richtig halten.

Die drei Säulen des musikalischen Alltags

Für authentisches Jazz-Gitarrenspiel müssen drei Aspekte in Balance sein:

🎭 Seele (Fühlen, Ausdruck)

  • Der emotionale und persönliche Anteil deines Spiels
  • Deine individuelle Stimme und Interpretation

🧠 Geist (Denken, Wissen)

  • Musiktheorie, Harmonielehre, Stilkunde
  • Analyse von Standards und Improvisationen

🎸 Körper (Handeln, Technik)

  • Instrumentale Fertigkeiten
  • Sound, Timing, Phrasierung

Das Problem: Oft trifft man auf den Virtuosen ohne Ausstrahlung, den Theoretiker ohne Gefühl oder den Emotionalen ohne technisches Handwerk. Dein Ziel ist es, alle drei Bereiche gleichmäßig zu entwickeln.


Die „Seven Steps To Heaven“ – Dein wöchentlicher Übungsplan

Da die Fülle möglicher Übungsthemen überwältigend sein kann, konzentriere dich auf diese sieben Kernbereiche:

1. 🎵 Musik hören und über Musik lesen

  • Konzerte besuchen (live oder online)
  • CDs gezielt hören und analysieren
  • Biographien und Jazz-Bücher lesen
  • Stilkunde betreiben

2. 🎸 Instrument (Technik & Sound)

  • Picking-Techniken verfeinern
  • Chord-Voicings erweitern
  • Sound-Entwicklung am Verstärker

3. 🎭 Improvisation

  • Über Standards improvisieren
  • Motivische Entwicklung üben
  • Rhythmische Variationen erkunden

4. ✍️ Musik schreiben

  • Eigene Kompositionen entwickeln
  • Arrangements erstellen
  • Melodien harmonisieren

5. 📚 Theorie & Analyse

  • Standards analysieren
  • Transkriptionen studieren
  • Harmonische Progressionen verstehen

6. 📖 Repertoire

  • Standards auswendig lernen
  • Verschiedene Stilrichtungen abdecken
  • Nach Level, Tempo und Tonart sortieren

7. 👂 Gehörbildung & Transkription

  • Soli heraushören und notieren
  • Intervalle erkennen
  • Chord-Progressionen identifizieren

Die Kunst des Wiederholens: Vom Kopf in die Finger

Der Mythos des „ersten Erfolgs“

Wenn du eine Übung zum ersten Mal erfolgreich bewältigst, bist du nicht am Ende, sondern am Anfang des Übungsprozesses!

So verinnerlichst du Übungen richtig:

  • Wiederholen bis zur Perfektion: Eine Übung muss so oft fehlerfrei wiederholt werden, bis sie „in Fleisch und Blut übergegangen ist“
  • Musikalisch üben: Übe nicht mechanisch, sondern als ob du auf der Bühne stehst
  • Realitätsnähe: Verwende das gleiche Equipment wie bei Auftritten
  • Freude bewahren: Es soll nicht langweilig werden, sondern Energie geben

Selbstreflexion: Dein innerer Übungscoach

Gewohnheiten sind dein größter Feind beim Üben. Du musst Kontrolleur und Kontrollierter in einer Person sein.

Stelle dir regelmäßig diese Fragen:

  • ✅ Was habe ich mir vorgenommen?
  • ✅ Übe ich es immer noch konsequent?
  • ✅ Mache ich Fortschritte?
  • ✅ Spiele ich diese Linie, weil sie musikalisch notwendig ist?

Repertoire: Die Basis deiner Improvisation

Der goldene Regel: Erst auswendig, dann improvisieren

Jedes Stück, mit dem du arbeiten willst, lernst du als erstes auswendig! Nur wenn du dich vom Notenblatt löst, kannst du spielerisch mit der Komposition umgehen.

Repertoire-Kategorien für Jazz-Gitarre:

  • Balladen: „Body and Soul“, „Autumn Leaves“
  • Medium Swing: „All The Things You Are“, „Stella By Starlight“
  • Up-Tempo: „Cherokee“, „Giant Steps“
  • Blues: „Billie’s Bounce“, „Straight No Chaser“
  • Latin: „Girl From Ipanema“, „Wave“

Thematische Gestaltung

Kein Jazz-Gitarrist spielt eine Melodie exakt wie im Real Book notiert. Entwickle deine eigene Version – sie wird später dein „innerer Kompass“ durch das Solo.


Probleme erkennen und lösen

Jedes Stück hat „ein Problem“

Identifiziere die schwierige Stelle, die oft über Erfolg oder Misserfolg deines Solos entscheidet:

  • Harmonische Fallstricke (wie in „Giant Steps“)
  • Rhythmische Herausforderungen
  • Melodische Sprünge
  • Ungewöhnliche Akkordprogressionen

Beispiel: Bei manchen Standards liegt das Problem nicht in Harmonie oder Melodie, sondern im rhythmischen Puls bestimmter Passagen.


Objektive Selbstbewertung: Dein wichtigstes Werkzeug

Das Recording-Prinzip

Aufnehmen ist das wichtigste Werkzeug für objektive Bewertung. Du bist beim Spielen zu emotional involviert – die Aufnahme zeigt die Wahrheit.

Der Singen-vs-Spielen-Test

Vergleiche gesungene und gespielte Chorusse. Oft ist das Singen ehrlicher, da es sich nicht an instrumentalen Begrenzungen orientiert.

Bewertungskriterien für deine Aufnahmen:

  • Sound: Klar und ausdrucksstark?
  • Timing: Im Groove oder schwankend?
  • Phrasierung: Natürlich und singbar?
  • Dynamik: Abwechslungsreich?
  • Melodien: Logisch entwickelt?
  • Aufbau: Spannungsbogen erkennbar?
  • Feeling: Emotional überzeugend?

Von 0 auf 100: Die Kunst der Einfachheit

Der größte Fehler: Ungeduld

Unerfahrene Musiker wollen zu schnell zu viel zeigen. Wie Sammy Nestico sagte: Mit dem Alter lernt man, „eher Dinge wegzustreichen als hinzuzufügen.“

Die Lösung: Weniger ist mehr

  • Nur spielen, wenn du etwas zu sagen hast
  • Zeit lassen, um Ideen „im Inneren zu hören“
  • Der erste Ton zählt – jeder weitere mit derselben Überzeugung
  • „Spielt Kinderlieder!“ – Sie bringen musikalische Prinzipien auf den Punkt

Praktisches Beispiel: „Hänschen klein“

Selbst aus dieser simplen Melodie kann ein überzeugendes Jazz-Solo entstehen, wenn du die Grundprinzipien anwendest:

  • Rhythmische Variation
  • Harmonische Anreicherung
  • Motivische Entwicklung

Akzeptiere deinen Status Quo

Das Missverständnis des Lernprozesses

Lernprozess ist nicht „von 0 auf 100“:

  • „0“ = Was du heute souverän bewältigst (Status Quo) ✅
  • „100“ = Unerreichbare Wunschvorstellung, die sich ständig verschiebt

Stéphane Grapellis Weisheit:

„In jazz you do what you can do, in classical music you must do what you can’t do.“

Im Jazz ist es möglich, auf jedem Niveau gute Musik zu machen. Du musst lernen, mit dem was du hast, wunderbare Musik zu machen.


Die 10 Gebote für Jazz-Gitarristen

  1. Do one thing at a time – Konzentriere dich auf eine Sache
  2. Know the problem – Erkenne, woran du arbeitest
  3. Learn to listen – Entwickle deine Hörfähigkeiten
  4. Learn to ask questions – Sei neugierig und hinterfrage
  5. Distinguish sense from nonsense – Unterscheide Wichtiges von Unwichtigem
  6. Accept change as inevitable – Veränderung ist natürlich
  7. Admit mistakes – Fehler sind Lernchancen
  8. Say and play it simple – Einfachheit ist Eleganz
  9. Stay calm – Bewahre Ruhe und Geduld
  10. Smile – Hab Freude an der Musik! 😊

Zusammenfassung: Dein Weg zum effektiven Üben

Effektives Jazz-Gitarre-Üben bedeutet:

  • Qualität vor Quantität in jeder Übungssitzung
  • Balance zwischen Seele, Geist und Körper
  • Konkrete Ziele und regelmäßige Selbstreflexion
  • Aufnehmen und objektiv bewerten
  • Einfachheit als höchste Kunstform
  • Akzeptanz des eigenen Levels als Ausgangspunkt

Denke daran: Du übst in erster Linie für dich selbst. Wenn du dich beim Improvisieren gut fühlst und authentisch spielst, bist du auf dem richtigen Weg – unabhängig von deinem aktuellen technischen Level.

Viel Erfolg bei deiner musikalischen Reise! 🎸🎵


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