Die Geschichte der
Ukulele
Von den Klippen Madeiras über den Pazifik bis in die Wohnzimmer der Welt – eine Reise in vier Akten.
Kein Instrument klingt gleichzeitig so unbeschwert und hat dabei eine so abenteuerliche Geschichte hinter sich. Die Ukulele überquerte Ozeane, überlebte den Niedergang der Swing-Ära, wurde jahrzehntelang als Kitsch abgetan – und feiert seit Anfang der 2000er ein weltweites Comeback, das bis heute anhält. Das ist die Geschichte dieses kleinen Instruments mit dem großen Herz.
Kapitel 1Die Wiege: Madeira und das Braguinha
Wer die Ukulele verstehen will, muss zuerst nach Portugal schauen – genauer gesagt auf die Insel Madeira im Atlantik. Dort existierte seit Jahrhunderten ein kleines Saiteninstrument namens Braguinha (auch Machete oder Cavaquinho genannt): vier Saiten, kleiner Korpus, hell und lebhaft im Klang. Es war ein Volksinstument der einfachen Leute, gespielt auf Festen und bei der Arbeit.
1879: Portugiesische Einwanderer landen an der Küste Hawaiis – und bringen ihre Musik mit.
Im 19. Jahrhundert erlebte Portugal wirtschaftliche Krisen, und viele Madeirenser wanderten aus – unter anderem nach Hawaii, das damals intensive Arbeitskräfte für seine Zuckerrohrplantagen suchte. Am 23. August 1879 legte das Schiff Ravenscrag im Hafen von Honolulu an. An Bord: 423 portugiesische Einwanderer. Und einige von ihnen hatten ihre Braguinhas mitgebracht.
Die Ravenscrag wird in Musikgeschichtsbüchern kaum erwähnt – und doch veränderte ihre Ankunft die Klanglandschaft eines gesamten Kontinents. Drei der Passagiere sollten entscheidend für die Geburt der Ukulele werden: die Instrumentenbauer Augusto Dias, Manuel Nunes und José do Espírito Santo.
Die Überlieferung besagt, dass die Passagiere beim Einlaufen in den Hafen so ausgelassen musizierten und tanzten, dass die wartenden Hawaiianer völlig fasziniert waren. Die kleinen Instrumente sorgten sofort für Aufsehen.
Kapitel 2Hawaii macht daraus etwas Eigenes
Die drei Instrumentenbauer eröffneten in Honolulu Werkstätten und begannen, ihre Braguinhas zu bauen – zunächst für die portugiesische Gemeinschaft. Doch die Hawaiianer griffen das Instrument begierig auf und begannen, es zu ihrem eigenen zu machen.
Sie passten den Klang an, experimentierten mit der Stimmung, und vor allem: Sie gaben ihm einen neuen Namen. Woher das Wort Ukulele stammt, ist bis heute nicht vollständig geklärt – es gibt mindestens drei konkurrierende Theorien:
Die drei Ursprungstheorien des Namens
„Springender Floh“ ist die bekannteste und populärste Erklärung. Auf Hawaiianisch bedeutet uku „Floh“ und lele „springen“. Gemeint waren angeblich die flink über die Saiten tanzenden Finger der Spieler.
„Das Geschenk, das kam“ ist eine andere Deutung: uku als „Geschenk“ und lele als „kommen“ – das Instrument als Gabe aus der Ferne. Diese Interpretation passt gut zur Geschichte der Einwanderer.
„Der kleine Lele“ bezieht sich auf Edward William Purvis, einen kleinen, lebhaften britischen Offizier am Hof des hawaiianischen Königs David Kalākaua, der für sein virtuoses und temperamentvolles Spiel bekannt war. Sein hawaiianischer Spitzname soll Ukulele gewesen sein.
König Kalākaua selbst war ein begeisterter Ukulele-Spieler und großer Förderer hawaiianischer Kultur. Er machte das Instrument am Königshof salonfähig und trug maßgeblich dazu bei, dass es sich schnell auf den Inseln verbreitete. Ohne seine Begeisterung wäre die Ukulele vielleicht nie über die Einwanderer-Community hinausgekommen.
König Kalākaua (1836–1891) mit Ukulele, umgeben von hawaiianischen Musikern – Illustration nach zeitgenössischen Berichten.
In den 1880er und 1890er Jahren war die Ukulele auf Hawaii allgegenwärtig. Lokale Handwerker begannen, sie aus heimischem Koa-Holz zu bauen – einem dunklen, klangschönen Holz, das dem Instrument einen noch wärmeren, volleren Ton gab als das europäische Original. Die Ukulele war nun ein hawaiianisches Instrument.
Die Ukulele ist hawaiianisch. Nicht weil sie dort erfunden wurde, sondern weil Hawaii sie zu dem gemacht hat, was sie ist.
— Musikethnologe Jim TranquadaKapitel 3Der große Aufstieg: Amerika entdeckt die Ukulele
Hawaii war seit 1898 US-amerikanisches Territorium. Und spätestens mit der Panama-Pacific International Exposition in San Francisco 1915 – einer Weltausstellung, an der Hawaii mit einem eigenen Pavillon teilnahm – betrat die Ukulele das Festland.
Hawaiianische Musiker spielten dort täglich für ein Millionenpublikum. Die Menschen waren begeistert. Die Ukulele klang nach Urlaub, nach Palmen, nach einem Leben, das leichter war als das ihrer Großstadtalltage. Innerhalb weniger Jahre explodierten die Verkaufszahlen.
Die Ukulele in Zahlen – die 1920er Jahre
Firmen wie Martin, Gibson und Lyon & Healy begannen, Ukulelen in großen Stückzahlen zu produzieren. Der Preis fiel – und damit stieg die Zugänglichkeit. Die Ukulele war das erste wirklich demokratische Instrument der modernen Welt: leicht zu transportieren, günstig zu kaufen, schnell zu erlernen.
Jazz, Vaudeville und die Stars der Roaring Twenties
Die 1920er Jahre waren die goldene Ära. Die Ukulele war in Jazz-Bands, Vaudeville-Shows und auf frühen Schallplattenaufnahmen allgegenwärtig. Musiker wie Roy Smeck – der sich selbst „Wizard of the Strings“ nannte – machten das Instrument mit atemberaubenden Soloauftritten bekannt. Smeck war ein Phänomen: Er konnte Ukulele, Banjo, Gitarre und Hawaiianische Lap Steel mit gleichem Können spielen, und seine Filmauftritte in den frühen Tonfilmen machten ihn zum ersten Ukulele-Popstar.
Auch Cliff Edwards, bekannt als „Ukulele Ike“, trug das Instrument auf die Theaterbühnen und ins Radio. Er war so populär, dass Walt Disney ihn später als Stimme für Jiminy Cricket in Pinocchio (1940) engagierte.
Kapitel 4Der Abstieg – und wie Tiny Tim das Feuer am Leben hielt
Mit dem Zweiten Weltkrieg und dem aufkommenden Rock’n’Roll in den 1950ern verlor die Ukulele ihren Platz im Rampenlicht. Die Elektrische Gitarre war das neue Symbol der Jugend – laut, rebellisch, elektrisch aufgeladen. Die Ukulele wirkte dagegen zahm und altmodisch. Die Industrie brach ein, viele Hersteller stellten die Produktion ein oder wechselten zu anderen Instrumenten.
Einen kurzen Aufschwung erlebte sie noch in den 1950ern, als Arthur Godfrey in seiner populären US-Fernsehshow regelmäßig Ukulele spielte und damit erneut Millionen von Amerikanern inspirierte. Doch der Effekt verpuffte schnell.
In den späten 1960ern sorgte Tiny Tim – bürgerlicher Name Herbert Khaury – mit seiner Falsett-Stimme und seiner Ukulele für Aufsehen. Sein Auftritt bei The Tonight Show 1968 und seine Hochzeit vor 40 Millionen TV-Zuschauern machten ihn zur Berühmtheit. Für manche war er ein genialer Exzentriker, für andere eine Kuriostität. Für die Ukulele war er beides: ein Botschafter, der das Instrument am Leben hielt – wenn auch am Rande des Mainstreams.
Kapitel 5Das Renaissance: Jake Shimabukuro und das Internet
Das 21. Jahrhundert brachte der Ukulele ihre zweite – und bislang größte – Blütezeit. Der Auslöser war ein junger Hawaiianer namens Jake Shimabukuro, der 2006 ein Video auf YouTube veröffentlichte, in dem er eine Ukulele-Version von George Harrisons While My Guitar Gently Weeps spielte.
Das Video wurde zu einem der ersten viralen Musikphänomene des Internets. Millionen Menschen weltweit sahen es und begriffen zum ersten Mal, zu welch außerordentlichen musikalischen Leistungen dieses scheinbar „niedliche“ Instrument fähig ist. Shimabukuro spielte mit einer Geschwindigkeit, Präzision und Emotionalität, die das gesamte Bild des Instruments veränderte.
Jake Shimabukuros YouTube-Video wurde ursprünglich ohne sein Wissen hochgeladen – von einer fremden Person, die eine TV-Aufnahme des Auftritts aufgenommen hatte. Als er davon erfuhr, hatte es bereits Millionen Aufrufe. Es ist eine der schönsten Ironien der Musikgeschichte, dass das größte Ukulele-Revival der Geschichte durch ein Video begann, das der Künstler selbst gar nicht veröffentlichte.
Gleichzeitig entdeckten Mainstream-Künstler das Instrument neu. Jason Mraz, Eddie Vedder (der 2011 ein ganzes Ukulele-Soloalbum veröffentlichte), Train und viele andere integrierten die Ukulele in ihre Musik. Der Indie-Folk-Boom der 2010er Jahre trug das Instrument weiter: Mit Songs wie Ho Hey von The Lumineers oder der YouTube-Präsenz von Tausenden Hobbymusikern aus aller Welt wurde die Ukulele zum Instrument einer Generation, die Zugänglichkeit, Gemeinschaft und Authentizität schätzte.
Warum ausgerechnet jetzt?
Das Revival hat strukturelle Gründe: Die Ukulele ist günstig (gute Einsteigerisntrumente gibt es ab 50–80 Euro), leicht, reisefreundlich und lässt sich in wenigen Stunden so weit erlernen, dass man damit ersten Songs spielen kann. In einer Zeit, in der Menschen nach sinnvollen Hobbys suchten und das Internet Lernvideos und Communities für alles bot, war die Ukulele das perfekte Instrument.
Die Ukulele heute – weltweiter Markt
Eine moderne Konzert-Ukulele – das kleine Instrument, das die Welt eroberte.
EpilogEin kleines Instrument, eine große Geschichte
Von der Braguinha eines armen Fischers auf Madeira zur Ikone der modernen Popkultur – die Reise der Ukulele ist unwahrscheinlich und zugleich zutiefst menschlich. Sie ist ein Instrument der Migranten, der Könige, der Exzentriker und der Alltagsmenschen. Sie hat Weltausstellungen bespielt, Vaudeville-Bühnen und YouTube-Kanäle, Königshöfe und Lagerfeuer.
Was all diese Epochen verbindet: Die Ukulele bringt Menschen zusammen. Ihr Klang klingt nach Einladung, nicht nach Virtuosentum. Sie sagt: Mach mit. Das war ihre größte Stärke im Jahr 1879 – und es ist ihre größte Stärke heute.
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